Leseprobe: SOKO Selma

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Pfingsten 2015: Kriminaloberkommissar Ernst Keller freut sich schon auf das Orange-Blossom-Festival in Beverungen, als ihn die Nachricht erreicht, dass in Helmarshausen eine Bank überfallen wurde. Der Täter befindet sich noch immer mit mehreren Geiseln vor Ort. Als Keller dort eintrifft, erzwingt der Bankräuber mit einem kleinen Mädchen als Geisel die Flucht. Selma ist die Tochter von Holger E. Meier – Kellers Intimfeind sowie seit kurzem der Lebensgefährte von Kellers Assistentin Engelchen. Der Journalist selbst liegt schwer verletzt mit einer Schusswunde in der Bank. Straßensperrungen und Suchaufrufe bleiben erfolglos, der Druck auf Keller wächst. Ein vermeintlich Verdächtiger hingegen wird beinahe von einem wütenden Mob gelyncht. Bald scheut der Kommissar nicht mehr davor zurück, einen Tatverdächtigen derart unter Druck zu setzen, dass die Grenze zwischen Moral und Recht verwischt. Als dieser Tatverdächtige später schwer misshandelt wird, wird Keller suspendiert. Er gibt jedoch nicht auf, eine heiße Spur führt ihn in die alte Jugendherberge in Bad Karlshafens Gartenstadt.

Leseprobe

Vorgeschichte

»Du solltest ihn mal probieren, der ist lecker! Und außerdem bist du nicht mehr meine Freundin, wenn du ihn nicht mit mir teilen willst!«

Die kleine Selma lutschte an einem roten Lolli und hielt ihn ab und zu auffordernd ihrer Puppe Erna vor den aufgenähten Mund. Selma hatte ihre kleine Gestalt hinter einem Herrn eingereiht, der gerade im Gespräch mit der Bankangestellten war, und hielt Erna fest an sich gepresst. Als plötzlich ein großer Mann an ihr vorbei zum Schalter stürmte, ließ sie den Lolli vor Schreck fast fallen. Mit einer schwarzen Maske über dem Kopf hastete er direkt nach vorne und drängelte den Herrn, der gerade an der Reihe war, grob zur Seite. Zeitgleich zog der Maskenmann etwas aus seiner Tasche, und Selma meinte zuerst, er würde nun die Kassiererin nassspritzen wollen, denn das Ding sah genauso aus wie die Wasserpistole, die sie zuhause in ihrer Kommode liegen hatte. Nur war diese hier schwarz, und die Bankangestellte hob sogleich mit aufgerissenen Augen ihre Hände, als ihr die Waffe entgegengehalten wurde.

Selma stand allein in der Reihe, denn ihr Papa war noch einmal zurück zum Auto gegangen – ihr Sparbuch holen. Das brauchte sie doch, denn sie waren in die Bank gekommen, um Geld für die Gitarre abzuheben, die sie sich schon so lange gewünscht hatte.

Erleichtert sah sie ihn zurückkommen. Aber warum sah er so seltsam aus? Als er »Selma«, rief, sagte er das in dem gleichen Ton, den er immer benutzte, wenn sie wieder, ohne zu schauen, über die Straße lief oder versuchte, die Keksdose aus dem Regal zu angeln.

Ihre Verwunderung dauerte jedoch nur ein paar Sekunden. Dann nahm sie ihren Mut zusammen, drückte Erna noch ein wenig fester an sich und zupfte den Mann mit der schwarzen Strumpfmaske an der Jacke: »Was machst du da?«

Der Maskenmann wirkte überrascht. »Das geht dich gar nichts an.«

»Bist du ein Bankräuber oder willst du die Tante nur nassspritzen?«

Bevor der Mann eine Antwort geben konnte, sah Selma bereits ihren Vater auf sich zukommen. Dieser trug eine Jeansjacke und ausgelatschte Turnschuhe. Er sah sehr besorgt aus.

»Selma, kommst du bitte!«

»Nein, nicht bevor ich und Erna eine Antwort bekommen haben.« Ihr wollte nicht einleuchten, was sie jetzt wieder falsch gemacht haben sollte!

Jetzt ergriff der Maskenmann das Wort: »Geh zu deinem Vater, bevor ich ungemütlich werde.«

Als die beiden Männer nur noch zwei Meter voneinander entfernt waren, richtete der Große mit der Maske die Pistole, aus der bisher kein einziger Tropfen Wasser gekommen war, erst auf sie und dann auf ihren Vater.

Dieser hielt kurz inne und bewegte sich dann ganz langsam weiter auf seine Tochter zu. »Selma, komm jetzt endlich, und lass den Mann in Ruhe!«

»Ich warne dich, bleib stehen!«, rief der Bankräuber und richtete noch entschlossener die Waffe auf den Vater des Mädchens.
»Alles gut, ich …«

Selma war sich nicht sicher, was hier eigentlich vor sich ging. Aber ihr Vater war wütend und erschrocken, und das gefiel ihr ganz und gar nicht. Außerdem wollte sie endlich ihre Gitarre haben, und dazu mussten sie an den Bankschalter. Noch während Selma überlegte, ob ihr Taschengeld überhaupt für eine solche Anschaffung ausreichte, sah sie ein Zehn-Cent-Stück auf dem Fußboden liegen. Beim Versuch, es aufzuheben, stieß sie den Bankräuber versehentlich an. Der Maskenmann schubste sie grob zur Seite, zugleich raubte ihr ein infernalischer Knall alle Sinne. Bereits im nächsten Moment knickten ihre Knie ein, Erna entglitt ihren Händen, und sie fiel unsanft zu Boden. Der Widerhall des Knalls in ihrem linken Ohr war derart schmerzhaft, dass sie zunächst sogar das Weinen vergaß.

Es war jener Moment, in dem ihr Vater wie vom Schlag getroffen neben ihr niedersank, als sie verstand, dass etwas schiefgelaufen war.

»Papa!«

1

Engelchen hatte gerade den letzten Karton in Ernst Kellers neue Wohnung getragen, als Keller diese Kiste neugierig zu betrachten begann. ›Kinderzimmer Erwin‹ stand auf dem Karton – Keller hatte keine Ahnung, warum. Angelika, aus deren Wohnung er nun endgültig ausgezogen war, und er hatten weder zusammen noch mit einem anderen Partner Kinder.

»Who the fuck is Erwin?«, ging es ihm durch den Kopf.

Er öffnete gespannt den Umzugskarton und fand als erstes ein schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift ›Chris de Burgh Europa Tournee 1992/1993‹. Augenblicklich lief bei Keller ein imaginärer Film ab: Erinnerungen an das Orange-Blossom-Festival Pfingsten 2009 in Beverungen. Klaus und er hatten irgendeine unsinnige Wette abgeschlossen, die Keller schließlich verloren hatte. Es war darum gegangen, dass der Verlierer einen Tag während des Festivals mit einem Chris-de-Burgh-T-Shirt herumlaufen musste. Eine gewagte Idee, da das Orange Blossom überwiegend von Independence-Musik-Fans besucht wird. Zudem hatte Keller damals das unangenehme Gefühl übermannt, einer Randgruppe anzugehören, da er nicht eine einzige Tätowierung am Körper hatte. Keller liebte dieses Festival, nur hatte er in den letzten Jahren nie die Gelegenheit gehabt, es zu besuchen. Aber dieses Jahr sollte es endlich wieder klappen – nach dem Umzug in die Kasseler Nordstadt. Die Karte hatte er schon im November und nur mit Mühe ergattert. Bereits drei Stunden nach Beginn des offiziellen Verkaufs waren alle Karten weg.

Ein Foto lag umgedreht unter dem T-Shirt. Keller nahm es in die Hand und betrachtete es nachdenklich. Es zeigte einen ganz anderen Keller: Dessen Bauch lugte unter dem eigentlich zu kleinen T-Shirt hervor. Vielleicht war er mit einem Meter neunzig einfach nur etwas zu groß. Er hatte damals unverkennbar weniger graue Haare – man konnte den eigentlichen Blondschopf noch sehr deutlich erkennen. 2009 trug er auch noch keine Brille, heute lag er als fast Fünfzigjähriger damit voll im Trend. Er legte das Bild zur Seite, und damit kehrten auch seine Gedanken in die Gegenwart zurück.

Kellers Kollegen Heinz ›Heini‹ Döring und Herta ›Engelchen‹ Engel sowie seine Freundin Kerstin Kaiser saßen in der unaufgeräumten Wohnung. Verteilt auf die Sitzgelegenheiten, die es neben Umzugskartons und Tüten schwer hatten, optisch noch in Erscheinung zu treten, hatten sie sich diese Pause redlich verdient. Keller hatte gerade mit Heini den schweren Küchenschrank hinauf in den zweiten Stock getragen. Die Stimmung war heiter-gespannt: Engelchen moserte schon die ganze Zeit herum, wie viel Krimskrams Keller besaß. Kerstin hingegen war ganz begeistert von der neuen Wohnung, hatte sie doch sogar eine Badewanne.

Keller war gerade im Begriff, den Pizzaservice anzurufen. Die Mehrheit aller Helfershelfer hatte sich für ›Pizza Infernale‹ entschieden. Er griff zu seinem Handy, als dessen Klingelton ertönte.

»Sind die aber flott«, sprach Engelchen.

Keller ging in sein neues Schlafzimmer, um in Ruhe telefonieren zu können.

»Keller hier.« Es passte ihm gar nicht, dass er mitten in der Umzugsphase gestört wurde, und sein Tonfall fiel etwas barsch aus. »Wo?« Nicht jetzt, dachte er. Lasst mich doch wenigstens heute in Ruhe! »In Helmarshausen? Die Bankfiliale? Die Täter sind noch in der Bank? Gut. Ja, wir kommen.«

Abgesehen davon, dass ihm jetzt auch noch die scharfe Pizza entging, änderte dieses Telefonat an jenem Freitag vor Pfingsten alles in Kellers Leben.

2

»Nee, ich hab Hunger.« Engelchen legte unterstützend die Hand auf ihren Bauch.
»Muss warten! In Helmarshausen ist die Bank überfallen worden, der oder die Täter haben Geiseln genommen.« Keller passte das genauso wenig, aber Job war eben Job.

Seine Assistentin zog spielerisch eine Schnute und blickte dann scheinbar ergeben zur Zimmerdecke. »Pizza ade!«

Obwohl sie sich beeilten und mit Blaulicht über die B 83 rasten, brauchten sie doch  vierzig Minuten, um vor Ort zu sein. Die Bundesstraße nahe dem Ortsausgang von Helmarshausen war teilweise gesperrt und nur noch einspurig befahrbar, ein Polizist regelte den Verkehr. In der Nähe hatte sich eine beträchtliche Menge an Schaulustigen versammelt, doch war der Tatort nur notdürftig abgesperrt. Als sie sahen, dass Polizeioberkommissar Marcus Kneipp bereits auf sie wartete, steckten Engelchen und Keller ihre Ausweise gleich wieder ein.

»Morgen Kneipp, irgendwelche Veränderungen?« Kellers Appetit war ihm im Auto schon vergangen. Der Kommissar hatte die ganze Fahrt über nervös auf die Uhr geschaut und gehofft, dass sich in der Zwischenzeit nichts ergeben hatte, was seine Arbeit zusätzlich behindern würde. Auf eine Geiselnahme zum Beispiel hatte er an keinem Tag im Jahr Lust.

»Nein, der oder die Täter sind immer noch in der Bank. Ein Schuss ist gefallen, wir wissen jedoch nicht, ob es Verletzte gibt oder nicht.«
»Wie viele Menschen mögen in der Bank sein?« In Kellers Gehirn manifestierten sich verschiedene Szenarien.

»Die Zentrale sagt, dass drei Mitarbeiter heute Morgen hinter dem Schalter stehen beziehungsweise im Backoffice Beratungen durchführen.«

Der Kommissar atmete durch. »Gut, vielen Dank. Haben wir eine Verbindung in die Bank?«

»Ja, gehen Sie zum Einsatzwagen.«

Engelchen blieb bei Kneipp, während Keller sich dem Einsatzwagen näherte, auf den der Polizeioberkommissar gedeutet hatte. Den Beamten in der Tür des Transporters kannte er nicht, der musste neu sein.

»Keller, Kripo Nordhessen, ich möchte mit den Geiselnehmern sprechen.«

»Okay, wählen Sie einfach die ›1‹, dann klingelt es.« Der Beamte kam leicht unterwürfig rüber, stand er doch sofort auf, als der Kommissar im Wagen erschien.

Es dauerte einen Moment, bis die Verbindung zustande kam, und weitere quälende fünfzehn Klingelzeichen, bis jemand den Hörer abhob. Keller hatte inzwischen erneut einen Blick auf seine Armbanduhr geworfen.

»Kriminaloberkommissar Ernst Keller von der Kriminalpolizei Nordhessen«, sagte er betont freundlich in den Hörer, dann kam er gleich zur Sache. »Wer sind Sie, und was wollen Sie?«

»Nennen Sie mich Charley Varrick«, schnarrte es ihm entgegen. »Ich will hier raus, ansonsten erschieße ich eine der Geiseln.«

Keller runzelte die Stirn. ›Varrick‹. Sehr lustig. Hörte sich an, wie ein amerikanischer Bankräuber im ländlichen Montana. Allerdings wurde der Gedanke durch das Wort ›Geiseln‹ sofort im Keim erstickt.

»Wie viele Personen sind noch in der Bank?«, wollte er stattdessen wissen.

»Denken Sie, dass ich so blöd bin und Ihnen das auf die Nase binde?«

Nein, nicht wirklich, aber man kann es ja mal versuchen, dachte Keller. »Was wollen Sie?«, bohrte er weiter.

»Freien Abzug. Ich will einen vollgetankten Fluchtwagen und freien Abzug. Was haben Sie für einen Wagen?«

»Einen Audi A3 – mit halbvollem Tank«. In Gedanken fügte er hinzu: und gut ortbarer Polizeielektronik.

Keller merkte, wie auf der anderen Seite der Leitung die Muschel mit dem Handballen zugedrückt wurde. Varrick sprach anscheinend mit einer anderen Person. Keller bedeutete den Kollegen im Überwachungswagen mit einer raschen Handbewegung, still zu sein. Er musste sich ganz auf die Geräusche aus dem Telefonhörer konzentrieren. Wenn alle um ihn herum absolut leise waren, konnte er den Ganoven gerade noch verstehen.

»Hey, Mann, was fährst du für ein Auto?« Die Stimme klang ungeduldig.

Doch bekam der Mann scheinbar keine Antwort.

Jetzt hörte Keller eine Mädchenstimme. »Mein Papa fährt ein rotes Auto.«

»Wann wart ihr das letzte Mal tanken?«

»Gerade eben, in Karlshafen. Der nette Mann hinter dem Tresen hat mir diesen leckeren Lutscher geschenkt.«

Keller schloss die Augen. Oh nein, dachte er. Bitte nicht! Das hat uns gerade noch gefehlt!

»Sehr schön«, sprach der Mann weiter und klang dabei leicht genervt. »Wo hat dein Vater den Autoschlüssel?«

»Oben in seinem Rucksack.«

Keller hörte ein Herumstöbern, der Geiselnehmer brauchte wohl beide Hände und hatte den Hörer zur Seite gelegt.

»Wir beide machen jetzt einen Ausflug«, ertönte es in einem süßlichen Ton aus dem Hörer. Keller konnte sich geradezu vorstellen, wie Varrick sich zu einem überzeugenden Lächeln zwang. Er kannte den Mann nicht, aber so, wie er mit dem kleinen Mädchen sprach, konnte man annehmen, dass er selbst keine Kinder hatte.

»Und Papa?«

»Der ruht sich aus.«

Keller erstarrte.

»Aua, du tust mir weh.« Die Stimme des Mädchens wurde zunehmend furchtsamer.

»Stell dich nicht so an, du kommst jetzt mit.«

»Ich will nicht.«

Keller hörte, dass der Mann den Hörer wieder freigab. Ein wummerndes Geräusch dröhnte an sein Ohr, wahrscheinlich war das Telefon heruntergefallen, doch kurze Zeit später sprach der Mann weiter.

»Hören Sie, Keller. Ich komme jetzt mit dem Mädchen raus, und wir fahren in einem der Autos auf dem Parkplatz weg. Lassen Sie mich friedlich fahren, und dem Mädchen geschieht nichts. Und kommen Sie nicht auf die Idee, sie zu befreien – ich bin bewaffnet!«

»Gut«, mehr fiel Keller in diesem Moment nicht ein. Er war noch mit dem, was er eben mit angehört hatte, beschäftigt. ›Der ruht sich aus.‹ Das gefiel ihm verdammt noch mal gar nicht! Und jetzt hatte der Typ auch noch ein kleines Mädchen in seiner Gewalt! Keller stieg aus dem Wagen – es blieb ihm nichts anderes übrig, als zu warten.

Keller war sauer, schließlich hatte er keine Lust, sich hier die Beine in den Bauch zu stehen – so viele Treppen, wie er heute Morgen schon gestiegen war.

Es war schließlich Viertel vor elf, als sich die Tür der Bankfiliale öffnete und der Mann nach fünf ewig lang scheinenden Minuten endlich hinaustrat.

»Er war also alleine«, ging es Keller durch den Kopf.

Obwohl in der Umgebung der Bank Einsatzkräfte mit Schusswaffen positioniert waren, kam niemand auf die Idee, zu schießen. Der Mann hielt ein zirka fünfjähriges Mädchen mit festem Griff umfasst. In der anderen Hand umklammerte er, für alle Umstehenden deutlich zu erkennen, eine Pistole, die er provokativ auf den Körper des Kindes gerichtet hielt, das mit angsterfüllten Augen in die Runde schaute. Bei einem finalen Rettungsschuss würde auch das Mädchen sofort sterben.

Keller fuhr ein kalter Schauer durch den Körper. Das Mädchen sah aus wie Selma, die Tochter von Holger E. Meier. Er war sich jedoch nicht ganz sicher, da Selma erst vor kurzem von Hamburg nach Calden gezogen war und Keller das Mädchen bislang nur von einem Foto kannte.
»Sagen Sie Ihren Leuten, dass sie den Parkplatz da drüben räumen sollen!«, schrie Varrick.

Keller tat, wie ihm geheißen, und gab mit einem heftigen Schwenken seines Armes den Polizisten das Zeichen zu verschwinden.

Erst jetzt erkannte Keller den roten Corsa, der dort in der Sonne stand.

Hoffentlich nicht der, schoss es ihm durch den Kopf.

Aber der Mann und das Kind gingen genau auf diesen Wagen zu.

»Geben Sie doch wenigstens das Kind frei, über alles andere können wir reden.« Keller musste diesen Satz aussprechen, obwohl er wusste, wie stereotyp er klang.

»Für wie dumm halten Sie mich eigentlich? Sobald ich das Kind freilasse, knallt ihr mich doch ab.«

Keller konnte hierauf nichts erwidern. Was sollte er auch sagen? »Dann versprechen Sie mir wenigstens, das Kind freizulassen, sobald Sie außer Gefahr sind«, versuchte er es trotzdem ein weiteres Mal.

»Einen Teufel werde ich tun!«, schrie der Kidnapper zurück und drückte die Kleine noch etwas enger an sich. »Ist das das Auto von deinem Papi?«

Die Kleine, von deren Gesicht sich ablesen ließ, dass sie den Ernst der Situation längst begriffen hatte, nickte.

Keller fluchte innerlich. Das Mädchen war also die Tochter von Holger E. Meier – seinem früheren Intimfeind, mittlerweile Fast-Freund und Inzwischen-Lebensabschnittspartner seiner Assistentin Herta ›Engelchen‹ Engel. Der Gauner wollte mit Meiers Auto fliehen. Meier! Was war mit Meier? Wieder hörte er den Satz in seinem Kopf. ›Der ruht sich aus.‹ Er hielt die Ungewissheit nicht mehr aus: »Was ist mit Meier? Dem Vater des Kindes? Geht es ihm gut?«

»Der Typ in der Jeansjacke? Der blutet drinnen in der Bank lustig vor sich hin.«

Das kleine Mädchen fing nun an zu wimmern und wand ihren Körper in der groben Umklammerung. »Ich will zu meinem Papa! Wir wollten eine Gitarre kaufen! Lass mich los!«, weinte sie.

Keller drehte sich der Magen um. »Sie Schwein!«, brüllte er. »Nicht nur dass Sie eine Bank ausrauben und ein Kind entführen: Sie haben auch noch einen Menschen angeschossen!«

»Berufsrisiko.« Varrick grinste fies unter der Maske.

»Ich kriege Sie, verlassen Sie sich darauf«, zischte der Kommissar und ballte die Fäuste.

Jetzt machte Keller seinen ersten Fehler. In diesem Moment war er so auf den Verbrecher konzentriert, dass er nicht sah, wie ein silberfarbener Ford Focus langsam die Steinstraße entlangfuhr.

3

Der Hubschrauber war nicht rechtzeitig vor Ort, sodass sich die Spur des roten Corsas schnell verlor. Alle Beteiligten gingen jedoch davon aus, dass er sich nicht weit vom Tatort entfernt hatte. Die in Deisel, Herstelle, Haarbrück, Gottsbüren, am Forellenhof und dem ehemaligen Gasthof Waldesruh an der Abzweigung der K76 zur B 80 errichteten Straßensperren hatten noch nichts gebracht. Der Täter musste, so hoffte Keller, das Auto abgestellt haben und zu Fuß weitergelaufen sein. Keller ging davon aus, dass er sich deswegen noch innerhalb des abgeriegelten Bereichs befand. Und das hatte, trotz allem, etwas Beruhigendes.

Keller war zu einem Termin beim Polizeipräsidenten einbestellt. So etwas machte der PP üblicherweise nicht alleine, Oberstaatsanwalt Herbst würde sicher auch mit dabei sein.

»Was fällt Ihnen ein, einem Täter in dieser Situation zu drohen, haben Sie in Psychologie damals überhaupt nichts gelernt?«, schleuderte ihm der König der Uniformierten entgegen.

»Es tut mir leid, Herr Polizeipräsident, der Angeschossene ist ein Freund von mir.«

»Ich weiß, Ihr Freund Meier von der HNA, dem Sie ab und zu ein paar interne Informationen haben zukommen lassen.«

»Ich habe Ihnen schon mehrfach gesagt, dass ich keine Informationen weitergegeben habe.« Keller hatte es satt, sich noch immer für Engelchen Indiskretionen im Winkelmann-Fall rechtfertigen zu müssen. Doch konnte er sie natürlich auch nicht verraten – eine Zwickmühle.

Oberstaatsanwalt Herbst mischte sich ein: »Die Untersuchung läuft noch, im Augenblick sieht es jedoch nicht so aus, dass KOK Keller Informationen nach außen getragen hat.«

Keller konnte lediglich einmal tief durchatmen, bevor der Jurist, der ihn scharf in Augenschein genommen hatte, fortfuhr: »Nichtsdestotrotz haben Sie sich vollkommen falsch verhalten und dadurch nicht nur einem Täter zur Flucht verholfen, sondern auch das Leben des Kindes gefährdet.«

»Es tut mir leid, mehr kann ich dazu nicht sagen.« Keller schaute verschämt auf den Boden.

Der Polizeipräsident war inzwischen aufgestanden, um den Schreibtisch herumgelaufen und direkt vor Keller zum Stehen gekommen. »Was wissen Sie über das Kind?«

»Nur dass sie die Tochter von Meier ist und Selma heißt.«

»Viel ist das nicht.« Der Polizeipräsident seufzte schwer.

Oberstaatsanwalt und Polizeipräsident wechselten einen Blick, scheinbar wollten sie sich verständigen. Der Polizeipräsident sprach Keller mit ernstem Blick an.

»Sie werden trotz alledem die Ermittlungen weiterführen, Sie kennen die Gegend und den Vater des Kindes.« Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Wie geht es Meier überhaupt?«

Nett, dass du überhaupt fragst, dachte Keller. Laut sagte er: »Nicht gut, er hat viel Blut verloren. Ich werde gleich zu ihm in die Notaufnahme ins Kasseler Klinikum fahren, vielleicht kann er mir etwas sagen.«

Der Präsident zog skeptisch die Augenbrauen hoch. »So wie Sie es beschreiben, glaube ich das zwar kaum, aber bitte, versuchen Sie Ihr Glück.«

Keller wollte sich schon umdrehen und gehen, da schob der Oberstaatsanwalt noch etwas nach: »Und anschließend fahren Sie umgehend wieder nach Karlshafen.« Er warf einen Blick auf den Polizeipräsidenten »Jegliche Freizeit ist erst einmal gestrichen.«
Der Polizeipräsident nickte, und damit war das Urteil gefällt – das Orange-Blossom-Festival musste 2015 ohne Keller stattfinden. Auf dem Weg ins Klinikum rief er Klaus an, um ihm – wieder einmal – abzusagen.

Hier muss die Leseprobe leider enden. „SOKO Selma – Kellers letzter Fall?“ ist ab Mitte Januar 2016 als Taschenbuch oder als eBook (epub, mobi) erhältlich. Weitere Hinweise hierzu erhalten Sie in der Bibliographie.

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