Leseprobe: Akte Hugenottenblut

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Eine Leiche am neuen Karlshafener Hafen!

Das Opfer ist Mario Göschwitz, ein Veteran des Jugendzentrums, das in den 70er Jahren viele Bürger der Stadt empört hat. Der Verdacht fällt auf Bernhard Sollier, der seit dieser Zeit eine Rechnung mit dem Opfer offen hat. Einer alten Tradition folgend wird Ernst Keller zur gleichen Zeit Mitglied einer geheimnisvollen hugenottischen Bruderschaft und ist dadurch gezwungen, Solliers Unschuld beweisen zu müssen. Engelchen hingegen wird von den Freunden des Opfers beauftragt, den Mörder zu finden. Die beiden Freunde stehen sich plötzlich auf verschiedenen Seiten einer unversöhnlichen Front gegenüber.

‚Akte Hugenottenblut‘ ist der siebte Fall aus der Reihe ‚Tatort Märchenland – Ernst Keller ermittelt‘.

Leseprobe

Prolog – Sonntag, 7. Juli 1974

Gabriele Fischer hetzte die Stufen hinauf, schon auf der Treppe dröhnte der Fernseher, weithin hörbar waren krakeelende Männer­stimmen zu vernehmen.

Ein lautes »Hau ihn um!« schallte ihr entge­gen, als sie die Tür zum Jugendzentrum öffne­te. »Mensch Leute, ihr solltet dringend mal das Fenster aufmachen, das stinkt hier ja wie in der Gruft von Ho Chi Minh.«

Mario Göschwitz, der sich mit seiner Freun­din Anne Spatz auf dem Sofa fläzte, schüttelte die lange blonde Mähne und begann, mit sei­nen Armen zu fuchteln. »Ey, du stehst uns im Bild.«

»Seit wann guckt ihr Spießer denn Fußball? Normalerweise ist euch doch jede Sympathie­bekundung mit dem Systemstaat ein Dorn im Auge?« Gabriele fühlte sich wie ein Fremdkör­per im Raum.

»Setzt dich hin, Gaby, und sei ruhig. Wir dis­kutieren nachher, jetzt werden wir erst mal Fußball-Weltmeister.«

»Wir! Wenn ich das schon höre.« Da alle Sitzgelegenheiten besetzt waren und auch di­verse Menschen auf dem dicken Perserteppi­chimitat lagen, setzte sich Gaby auf den Boden und lehnte sich an Annes Beine an, die nichts dagegen zu haben schien. Sie blickte sich um, alle starrten gebannt auf den alten Fernseher.

»Ich muss euch noch etwas Wichtiges sagen, ihr werdet nicht erraten, wen ich gerade ge­troffen habe.«

Marios böser Blick traf sie. »Später, hörst du? Es sind ja auch nur noch fünf Minuten.«

Sieben Minuten später sah Gaby ein Bild, das sie bis heute nicht vergessen konnte: Ein jubelnder Gerd Müller lief, in der holländi­schen Hälfte stehend, in Richtung Mittellinie. Plötzlich fiel er auf die Knie, streckte Kopf und Hände gen Himmel – so, als seien all seine Gebete erhört worden.

Mario stand langsam auf und reckte noch langsamer die Hände in die Höhe. »Wir sind Weltmeister! Jetzt brauch ich erst mal ein Bier.«

»Keins mehr da«, antwortete ihm Peter Groß.

Gaby wurde es zu bunt, sie stand auf und klatschte zweimal in die Hände. Erst dann hatte sie die Aufmerksamkeit, die sie wollte. »Ich habe gerade den Sollier getroffen, ihr glaubt nicht, was der zu mir gesagt hat!«

Anne sah Gaby fragend an. »Und? Was kann das blöde Schwein schon sagen, was dich be­leidigen sollte? Du darfst ihn auch nicht so ernst nehmen.«

»Er hat mich eine Hure genannt, unser Ju­gendzentrum ein Bordell und das Schlimmste kommt erst noch.«

»Was denn?« Inzwischen interessierte sich auch Mario für das Thema.

»Er hat gesagt, meine Mutter hätte lieber mit dem Ivan, der mein Vater sicher sein müs­se, nach Russland gehen sollen, als hierherzu­kommen, um so etwas wie mich großzuzie­hen.«

»Dieses Dreckschwein. Der braucht wohl mal eine ordentliche Abreibung.« Mario warf wütend eine leere Bierflasche an der Wand; sie zerbarst. »Dem haue ich eins in die Fresse! Wo ist er? Kommt, lasst uns hingehen und den ganzen guten Karlshäfern zeigen, dass wir keine Einwohner zweiter Klasse sind.«

Peter stand ebenfalls auf. »Die sitzen be­stimmt alle in der Weserstube, der Wirt wird wieder einen Fernseher aufgestellt haben. Da hocken sie dann, die ganzen Quartalssäufer, die sich den letzten Tropfen ihres Blutes mit Alkohol und Schnaps verdünnen.«

»Los, gehen wir.« Mario war kaum zu hal­ten.

»Nein«, entschied Andreas Wintermann. »Wir können keinen weiteren Ärger brauchen. Die Leute haben uns immer noch nicht verzie­hen, dass wir letzten Monat den Schulz in den Hafen geworfen haben, nachdem er uns im­mer und immer wieder beleidigt hat.« Er schaute in die Runde. »Ich kann euch ja ver­stehen, ich würde dem Sollier, dem Arsch, auch am liebsten eine Abreibung verpassen. Wir müssen aber noch etwas vorsichtig sein; wir haben nächste Woche das Gespräch mit Bürgermeister Hansen. Immerhin scheint er uns zu verstehen, mit ihm dürfen wir es uns nicht auch noch verderben.«

»Gut, Andi Gandhi, hast gewonnen. Dann lasst uns wenigstens dafür sorgen, dass wir noch Bier kriegen. In spätestens einer Stunde wird es hier proppenvoll sein.« Peter setzte sich wieder hin.

Mario strich sich die störrische Haarsträhne aus dem Gesicht »Ich gehe, ich muss sowieso mal an die frische Luft. Hat mal einer zwei Zehner für die Telefonzelle? Ich muss den Hoppe anrufen, wir brauchen Bier.«

»Aber heute ist doch Sonntag, zudem Fuß­ball. Und überhaupt …«, warf Anne ein.

»Anne, Schatz, er ist uns wieder wohlgeson­nen. Er war erst etwas stinkig, aber nachdem wir auf unserer letzten Fete alles Kleingeld zu­sammengesammelt haben, um ihn zu bezah­len, ist er wieder unser Freund.«

Gaby, die wusste, dass Anne spießbürgerli­che Liebesbekundungen, wie zum Beispiel Schatz, auf den Tod nicht leiden konnte, pulte in ihrer Hosentasche rum. »Ich hab nen Fuff­ziger.«

Mario nahm ihr das Geldstück aus den Fin­gern und gab ihr zum Dank einen Kuss. »Hier das Wechselgeld … der Kasten wechselt ja nicht.«

»Soll nicht einer von uns mitkommen, viel­leicht treiben sich Sollier und seine Kompa­gnons noch auf der Straße rum?«, fragte Pe­ter.

Mario stand stramm: »Keine Sorge, die träu­men jetzt selbstherrlich von ihrem großdeut­schen Reich.«

Gaby warf von hinten einen letzten Blick auf Marios zerrissene Jeans, aus der eine rote Un­terhose herausschaute. Einen Augenblick dachte sie: Wie läuft der denn rum? Doch dann verbot sie sich jede weitere Spießigkeit.

*

Es war kurz vor sieben Uhr am Abend. Etwas mehr als eine Stunde nach dem Spiel saßen inzwischen rund fünfzig Leute in dem mittler­weile viel zu kleinen Raum – immerhin hatte einer sogar eine Palette Bier mitgebracht.

Gaby beobachtete Anne, die nervös umher­schaute, denn ihr Mario war immer noch nicht zurück.

»Er wird schon noch kommen«, versuchte Gaby, ihre Freundin zu trösten. »Er ist be­stimmt kurz nach Hause, um sich Geld zu lei­hen.«

»Anne, das glaubst du doch wohl selber nicht. Bevor der seinen Alten anbettelt, über­fällt er lieber eine Oma in der Bergstraße, die gerade aus dem Konsum kommt.«

Gaby hatte kaum ihren Satz beendet, da kam Mario zur Tür hinein – es wurde mucksmäus­chenstill. Andi fand am schnellsten seine Sprache wieder: »Mensch, wie siehst du denn aus?«

Anne ließ ihre Bierflasche fallen, die mit ei­nem dumpfen Plopp auf dem Teppich landete. Bier sickerte in das Perserteppichimitat. Sie lief zu Mario und fiel ihm um den Hals.

1 – Montag, 8. Juli 2019

»Holste mir mal zwei Bohlen, sie liegen unter der grünen Plastikplane am Häuschen.«, rief Kalle seinem Kollegen zu. Gut zwei Monate nach der Hafenöffnung hatten die Bauarbeiter am Schleusenbetriebsgebäude noch alle Hän­de voll zu tun.

Der Kollege kam gerade vom mobilen Toilet­tenhäuschen zurück. »Joh, Kalle! Geht klar!«

Wenig später hörte Kalle einen Schrei. »Was’n los?« Verwundert kratzte er sich am Ohr.

»Da ist was, da hinten, in der Ecke.« Kalle ging zu seinem Kollegen. Der zeigte auf die halb aufgedeckte grüne Plastikplane. »Da, da liegt einer drunter.«

Jetzt sah Kalle den leblosen Körper schon von Weitem, dessen komplette Kleidung war am Oberkörper rot gefärbt. Blut? »Scheiße, da liegt ja wirklich einer.« Kalle merkte, wie ihm auf einmal kalt wurde.

»Sach ich doch.«

Leichenblass ging Kalle auf seinen Kollegen zu und hielt sich, als er nah genug war, gleich an ihm fest. Im nächsten Moment hatte er sich bereits auf dessen Stiefel übergeben. »Tschuldige.«

Sein Kollege sah sich das Malheur an; er blieb erstaunlich ruhig. »Ich ruf jetzt die Poli­zei an. Dann geh ich und sag dem Bürgermeis­ter Bescheid. Aber vorher mach ich mir die Schuhe sauber.«

Bereits kurze Zeit später trafen der Bürger­meister sowie die Polizei ein.

Als der Stadtoberste sich dem blutüber­strömten Holzlager näherte und das Erbro­chene von Kalle deutlich zu riechen war, fuhr die Hand des Bürgermeisters an seinen Mund. Glücklicherweise hatte er diesen Morgen noch nichts gefrühstückt.

Die beiden Polizeibeamten wandten sich an die Bauarbeiter. »Polizeioberkommissar Kneipp«, stellte sich der eine vor. »Das ist meine Kollegin Kaiser. Was ist hier los?«

Doch bevor die beiden Bauarbeiter etwas sa­gen konnten, baute sich der Bürgermeister vor den Polizisten auf und ergriff das Wort: »Hier scheint sich jemand umgebracht zu haben. Bitte untersuchen Sie das Ganze, damit es möglichst schnell weitergeht. Eine weitere Verzögerung können wir uns nicht leisten.«

»Ruhig, Herr Bürgermeister«, sagte Polizeio­berkommissar Kneipp. »Der Hafen samt Schleuse wird jetzt stillgelegt und das Gelände abgesperrt.« Hier unterbrach er seinen Satz, denn jeder wusste, was es bedeutete, wenn sie hier tatsächlich einen Toten gefunden hatten. Die fünf Personen schauten einander an, kei­ner sagte ein Wort.

Wiederum fand als Erster der Bürgermeister die Sprache wieder. »Malen Sie bloß nicht den Teufel an die Wand!«

2

Ernst Keller erwachte, als neben ihm das Han­dy klingelte und gleichzeitig mit einer unange­nehmen Frequenz vibrierte. »Wer stört?«

»Mensch, seitdem du keiner geordneten Be­schäftigung mehr nachgehst, verlotterst du von Tag zu Tag.«

»Engelchen!«

»Ich wollte dir viel Erfolg für das Gespräch bei der Sicherheitsfirma in Göttingen wün­schen, das ist doch heute Nachmittag?«

»Danke, das ist nett. Aber das Gespräch ist erst morgen früh. Morgen ist doch der Achte, oder?«

»Der Achte ist heute. Wann ist der Termin genau?«

»Um zehn Uhr. Verdammt! Und wie spät ist es jetzt?«

»Viertel vor zehn. Das wirst du wohl nicht mehr schaffen.«

Er holte mit dem linken Arm aus und fegte mit einer energischen Bewegung alles von sei­nem kleinen Nachtisch, was sich darauf be­fand. »So ein verdammter Mist.«

»Stimmt«, antwortete Engelchen. »Aber welche Abrissbirne schwingt da gerade durch dein Schlafzimmer?«

Er schwang seine Beine aus dem Bett, kratz­te sich am stoppeligen Kinn. Erst dann ant­wortete er: »Ach, nichts.« Der Radiowecker lag rücklings auf dem Boden, schien aber im­mer noch zu funktionieren – er zeigte weiter die Uhrzeit an – 9.48 Uhr. Nach dieser Ablen­kung besann er sich wieder auf seine Anrufe­rin. »Was wolltest du eigentlich von mir? Du rufst doch nicht nur an, um nach meiner be­ruflichen Zukunft zu fragen.«

»Immer noch der Bulle, Respekt. Klein-Holger hat Sehnsucht nach dir, und ich habe heu­te um zwölf einen dringenden Termin bei mei­nem Anwalt.«

»Gibt es Streit zwischen Vera und dir wegen Holgers Haus? Du willst doch immer noch bei ihr einziehen, oder?«

»Streit nicht, aber es muss noch einiges ge­regelt werden, bevor wir dort unsere WG auf­machen können.«

»Ihr wollt das wirklich durchziehen? Auch wenn sie Holgers Exfrau ist?«

»Ja, dann hätte Holger junior mit Selma auch gleich eine große Schwester, und Vera und ich könnten uns abwechselnd um die Kid­dies kümmern. Wir verstehen uns im Übrigen sehr gut.«

»Gut, sagen wir halb zwölf, ich habe ja heute nichts mehr vor.« Was er so locker aussprach, so wusste er, würde ihm wieder Magenbe­schwerden verursachen.

»Gut, ich bin dann da.«

Keller legte auf und schloss die Augen. »Scheiße!«

3

Die vier Männer saßen zusammen im Café, ganz hinten in der Ecke, wo sie unter sich wa­ren.

Siegfried Kurz, Mitte sechzig, groß und ha­ger, übernahm das Wort: »Wir müssen es ihm endlich sagen, es ist schon viel zu viel Zeit ver­gangen. Unsere Statuten verlangen, dass wir unseren Conseil des cinq frères de la Sainte-Croix wieder komplettieren.« Er schaute von einem zum anderen.

»Siegfried, Ernst Keller ist für diese Aufgabe vollkommen ungeeignet«, sagte Gerhard Pel­zer, ein Mann Anfang sechzig, behäbig, aber mit stechenden Augen. Er blickte bei diesen Worten düster drein. »Keiner weiß das besser als ich.« Er dachte ungern an die Begegnun­gen mit diesem in seinen Augen unangeneh­men Zeitgenossen zurück.

»Gerhard hat recht«, sagte Bernhard Sollier, mit Anfang achtzig war er der Älteste am Tisch. Er wirkte knorrig, aber willensstark. »Ich will diesen Keller auch nicht bei uns ha­ben. Er war Polizist und wird nie einer von uns sein können.« Er nickte, um seine Aussa­ge zu unterstreichen.

»Es wird euch wohl nichts anderes übrig­bleiben, als es zu akzeptieren«, widersprach ihm Siegfried Kurz.

»Ich bin dagegen«, Sollier ließ sich nicht von seiner Meinung abbringen.

»Es hilft aber nichts«, sagte Pelzer kurz, »es geht wohl nicht anders.«

»Danke für deine Einsicht, Gerhard«, sagte Kurz, »ich weiß, was es dich an Überwindung kosten muss, ihn in unserer Mitte zu akzeptie­ren. Letztendlich ist er nun einmal Erwins Sohn und Nachfahre von Pfarrer Guillaume Bárjon und damit rechtmäßiges Mitglied un­serer Gruppe.« Er legte Pelzer die Hand auf die Schulter.

»Gut, wer sagt es ihm?« Karl Müller, ein hochgewachsener Siebziger mit Glatze und buschigen Augenbrauen hatte bislang ge­schwiegen, nun versuchte er, die Sache zu be­schleunigen und das Problem einer Lösung zuzuführen.

Sollier hätte am liebsten auf den Tisch ge­schlagen, so ballte er jedoch nur die Faust.

4

Sie standen am Fundort, es regnete leicht. Kneipp schlug den Kragen seiner Jacke nach oben. »Der Tote ist Mario Göschwitz, vierund­sechzig Jahre alt. Der Ausweis war in seinem Portemonnaie, das neben der Leiche im Dreck lag. Ich kenne ihn, er lebt mit seiner Familie in Trendelburg.« Kneipp nahm ein frisches Stofftaschentuch und wischte sich notdürftig die Finger sauber.

Der Bürgermeister rang sichtlich nach Fas­sung. »Ich kenne ihn auch von früher. Bis auf die wilden Jahre im Jugendzentrum eigentlich ein netter Bursche. Nach den Verirrungen in seiner Jugend hat er richtig was aus sich ge­macht. Er war Lehrer, oder, Kneipp?«

»Ja«, pflichtete der Angesprochene ihm bei. »An der Berufsschule in Hofgeismar. Er hat in Aachen, glaube ich, Bauingenieurwesen stu­diert und dann auf Berufsschullehrer umge­schult.«

»Und?« Der Bürgermeister sah fragend in die Runde. »Wie geht es nun weiter?«

Marcus Kneipp schaute ihm in die Augen und versuchte, seinen Gesprächspartner ein­zuschätzen. »Wir werden den Fall unverzüg­lich an die Kriminalpolizei abgeben. Üblicher­weise läuft es so ab, dass zunächst die Spuren­sicherung kommt, um den Fundort und die Umgebung abzusuchen. Daher werden wir al­les hier umgehend absperren müssen. Es hat am Wochenende viel geregnet, sodass es recht schwierig werden wird, gute Spuren zu si­chern. Obwohl es offensichtlich ist, dass das Schleusenbetriebsgebäude im Mittelpunkt der Ermittlungen stehen wird, müssen die Kolle­gen das gesamte Hafenterrain absuchen. Wer weiß, was da noch so schwimmt.«

»Wie lange?« Der Bürgermeister wurde un­geduldig.

»Ein, zwei Tage schätze ich. Es kommt auch darauf an, ob das Wetter hält oder ob der letz­te Rest der Spuren durch weiteren Regen wortwörtlich weggespült wird.«

Der Bürgermeister baute sich auf. »Das geht nicht, wir müssen unbedingt mit den Hafenar­beiten fertig werden. Auch zwei Tage Verzöge­rung können wir uns einfach nicht leisten!«

»Das liegt nicht in meiner Macht. Und nun entschuldigen Sie mich bitte, ich muss Krimi­nalhauptkommissar Herbold anrufen. Er ist von nun an Ihr Ansprechpartner.«

Kneipp ließ den Bürgermeister ratlos zurück.

5

Engelchen bekam den Anruf von ihrer Schwester, als sie zwischen Trendelburg und Deisel unterwegs war. Als sie hörte, dass man ihren älteren Cousin Mario tot aufgefunden hatte, fuhr sie mit dem Wagen rechts ran. Sie nahm ihr Telefon und sagte ihren Termin ab. Sie konnte sich jetzt nicht mehr in Ruhe mit ihrem Anwalt über die geplante Wohngemein­schaft in Holgers Bauernhaus in Stammen un­terhalten. Mario war der Adoptivsohn ihres Onkels Karl Steinbach, der am Rande ihrer Ermittlungen um den Carlsbahntunnel einen tödlichen Herzinfarkt bekommen hatte.

Sie stand mit ihrem Auto an der Bushaltestelle Trendelburg, den Kopf auf das Lenkrad gelegt, als plötzlich der Trendelburger Bürger­bus hinter ihr hupte. »Mist.« Sie legte den Gang ein, drehte den Schlüssel und hoppelte, da sie vergessen hatte, die Kupplung zu treten, ein Stück nach vorne, bevor der Wagen zum Halten kam. »Zweiter Versuch.« Sie drehte den Schlüssel erneut und fuhr das Auto an die Seite. Der Busfahrer fuhr gestikulierend vor­bei, aber Engelchen war das in diesem Mo­ment egal. Sie heulte hemmungslos. Diese Nachricht löste all die Anspannungen, die sich wegen des Hauses, des fehlenden Schlafes – verursacht durch Klein-Holger – sowie der Sorge um ihre eigene berufliche Zukunft auf­gestaut hatten.

Als plötzlich eine Frau im Jogginganzug an ihr Fenster klopfte, schreckte Engelchen auf. Da der Motor aus war und sie nicht das Fens­ter herunterlassen konnte, öffnete sie die Tür.

»Alles in Ordnung?«, fragte die Frau mit be­sorgter Miene.

»Alles in Ordnung, machen Sie sich keine Sorgen. Vielen Dank für Ihr aufmerksames Verhalten.«

Die Frau nickte kurz, dann lief sie die Straße entlang in Richtung Diemelbrücke.

Engelchen erinnerte sich an früher. Als klei­nes Mädchen hatte sie einmal mit ihren bei­den älteren Schwestern ein Wochenende bei Mario und seiner Frau Christa verbracht. Es musste 1988 gewesen sein. Während sie eines Abends bei Christa zurückblieb, zog Mario noch mit ihren beiden Schwestern los. So lan­deten sie auch in einer Diskothek. Zum ersten Mal im Leben der beiden Mädchen. Das dicke Ende kam zwei Wochen später, als Engelchen alles ausplauderte. Es gab ein Riesendonner­wetter, und die Schwestern hatten nachher nichts mehr zu lachen. Hausarrest, Taschen­geldentzug: das ganze Programm. Eine Sache verschwieg allerdings Engelchen: wie sie näm­lich einmal Mario mit ihrer ältesten Schwester knutschend in einer Ecke ertappt hatte. Und dabei hatte sie damals selbst ihren gut ausse­henden Cousin angehimmelt – eine Mädchen­schwärmerei.

Und nun war dieser Mann tot. Vollkommen unerwartet war er nicht mehr da.

Engelchen beschloss, nicht nach Hause zu fahren, sondern in Trendelburg zu bleiben, um Marios Frau Christa und die drei Kinder zu trösten.

6

»Hast du schon gehört? Mario Göschwitz soll ermordet worden sein!«, sagte die Chefin des kleinen Buch- und Schreibwarengeschäfts zu Keller.

»Wer?« Keller hatte sich gerade die heutige Ausgabe der Hofgeismarer Allgemeine aus dem Zeitungsregal genommen. Er überlegte. »Göschwitz, Göschwitz«. Der Name kam ihm schon bekannt vor, aber er kam nicht drauf. »Hilf mir doch bitte einmal auf die Sprünge.«

»Die Leiche, die man am frühen Montag­morgen am Hafen gefunden hat, steht heute auch schon in der Zeitung. Göschwitz’ wohnen in Trendelburg, an der schönen Aussicht. Sei­ne kleine Schwester war bei meiner Schwester in der Klasse.«

»Super-Mario? Der Typ, der sich so viel auf seine Computerkenntnisse eingebildet hat, aber für den Crash des Rechners vom Pfarrer verantwortlich war?«

»Genau der. War das nicht ein guter Freund deines Vaters?«

»Im Gegenteil: Mein Vater und er waren sich spinnefeind. Er hat letztlich auch verhin­dert, dass Göschwitz Stadtverordneter werden konnte.«

»Wie jetzt?«

Keller rieb seinen Nacken. »Eigentlich be­gann es schon sehr viel früher, als Göschwitz und sein Jugendzentrum hier im Ort so viel Trubel veranstaltet haben. Die Jugendlichen der Umgebung sind in der Zeit nicht mehr in die hiesigen Gastwirtschaften gegangen, son­dern haben ihre Abende im Jugendzentrum verbracht und ihr Bier dort getrunken. Ich habe davon damals noch nichts mitbekom­men, ich war ja nicht mal ein Teenager.«

»Das war aber doch nicht verboten?«

»Nein, das nicht. Ein guter Freund meines Vaters hat damals seine Kneipe zumachen müssen. Anderen Wirten ging es nicht viel besser. Außerdem stand Göschwitz unter Ver­dacht, Bernhard Sollier übel zusammenge­schlagen zu haben. Der war nämlich im Ge­gensatz zu Göschwitz wirklich ein enger Freund meines Vaters.«

Die Frau nickte zustimmend. »Ja, da kann ich mich auch noch dran erinnern. Mein On­kel hat ihn damals gefunden und den Kran­kenwagen gerufen. Wann war das nochmal?«

»Das muss 1974 gewesen sein, in dem Jahr war die WM. Das gleiche Jahr, in dem Göschwitz und seine feinen Kumpane einen anderen Freund meines Vaters, Adolf Schulz, in den Hafen geworfen haben.«

»Mit anderen Worten: Viele hatten einen guten Grund, Göschwitz Böses zu wollen.« Sie schnalzte mit der Zunge und sah ihn heraus­fordernd an.

Er grinste. »Damit magst du leider recht ha­ben.« Er überflog schnell den Artikel über den Leichenfund, klappte die Zeitung zu und zahl­te. »Ich würde gerne mit dir weiter ermitteln, muss aber los. Bis morgen!«

»Machs gut, Ernst!«

Keller wollte eigentlich noch in den Eissalon, um dort entspannt einen Espresso zu trinken, als er direkt in die Arme von Gabriele Fischer lief. Sie hatten zuletzt gemeinsam die dunklen Machenschaften der einstmaligen Starautorin Andrea Sieburg aufgedeckt. Hier hatten sie gut zusammengearbeitet und die Plagiatorin Andrea Sieburg und ihren Lover, Kriminal­kommissar Anton Berg, zur Strecke gebracht. Trotz der engen Zusammenarbeit war ihre Be­ziehung jedoch nie über das »Guten Tag und guten Weg« hinausgekommen.

»Guten Morgen, Herr Kommissar.«

Er seufzte. »Wie Sie wissen, bin ich das ja schon lange nicht mehr.«

»Aber damals, bei Andrea Sieburg, da haben Sie und Ihre Kollegin sich doch wacker ge­schlagen. Die einstige Starautorin gestaltet nun Leseabende im Knast und kann ihre Kol­leginnen in kreativem Schreiben unterrich­ten.«

»Mag sein, aber das ist nicht mein Pro­blem.«

»Genauso wenig wie der Mord an Mario Göschwitz?«

»Bisher wurde nur ein Toter gefunden.« Er hielt ihr die gerade gekaufte Zeitung vor die Nase. »Aber ich gebe zu, er scheint nicht auf natürliche Weise ums Leben gekommen sein.«

»Es war ein feiger Mordanschlag, glauben Sie mir.«

»Erstens habe ich andere Probleme, zwei­tens ist es nicht mehr meine Baustelle.«

In diesem Moment wusste Keller, dass er ei­nen Riesenfehler begangen hatte. Ginge es nach Fischers Augen, hatte sie bereits zweimal durchgeladen und abgedrückt. Das Blut war ihr ins Gesicht geschossen, sie stemmte die Hände in die Hüften und baute sich bedrohlich vor ihm auf.

»Was bilden Sie sich eigentlich ein? Mario war mein Freund, wir haben damals das Ju­gendzentrum zusammen aufgebaut. Verstehen Sie das? Einer meiner Freunde wurde ermor­det – oder geht das nicht in Ihren abge­stumpften Polizistenschädel?«

Autsch. Woher hätte er das denn wissen sol­len? »Das tut mir leid. Ich mache es wieder gut. Darf ich Sie zu einem Kaffee einladen?«

»Nein, darauf ist mir jetzt die Lust vergan­gen. Außerdem habe ich noch eine Verabre­dung. Dorthin kann ich Sie leider nicht mit­nehmen, wir wollen unter uns sein.«

»Wer ist wir?«

»Das, mein lieber Herr Kommissar, finden Sie vermutlich noch früh genug heraus. Guten Tag.«

Verunsichert schaute er ihr nach. Warum ging sie nur so krumm? In diesen und andere Gedanken versunken verließ Keller den Bür­gersteig und wurde beinahe von einem Auto erfasst. Ein großgewachsener Mann in einem Trainingsanzug stieg aus und schnauzte ihn an, er solle doch besser aufpassen. Er schimpfte noch immer, als Keller schon längst über der Straße war.

»Was für eine komische Geschichte«, sagte er laut vor sich hin, bevor er sich an einen der Tische der Eisdiele setzte.

7

Kriminalhauptkommissar Wolfgang Herbold saß im Café Sieburg und wartete auf Marcus Kneipp. Er hatte einen Tisch draußen ausge­sucht, etwas am Rand, sodass sie sich unge­stört unterhalten konnten. Er war mit der Be­arbeitung dieses Mordfalls betraut worden. Wie schon in einem früheren Fall würde ihm Polizeioberkommissar Marcus Kneipp als As­sistent zur Seite stehen. Das hohe Schellen ei­ner Fahrradklingel war schon von weitem zu hören. Mit viel Schwung raste Kneipp auf Herbolds Tisch zu und bremste kurz vor der Mauer, an die er sein Fahrrad wenig später lehnte. Herbolds Blick wurde abgelenkt von einem Läufer, der in diesem Moment mit ei­nem erstaunlich hohen Tempo am Fitnessstu­dio vorbeilief.

»Wollen Sie Ihr wertvolles Dienstfahrzeug nicht wenigstens abschließen?«

»Nein, wenn zwei Polizisten in der Nähe sind, wird es sicher niemand wagen, das Fahr­rad zu stehlen.«

»Erlauben Sie mir vorab noch eine Frage?«

»Bitte.«

»Warum sind Sie heute überhaupt mit dem Fahrrad unterwegs?«

»Ich musste meinen Dienstwagen kurzfristig zur Reparatur geben, er steht derzeit hier in der Tankstelle und wird in Ordnung gebracht. Der Besitzer hat mir für meine Wege im Ort dieses Fahrrad geliehen. Erlauben Sie mir ebenfalls eine Frage?«

»Bitte.«

»Warum treffen wir uns eigentlich in einem Café und nicht im Polizeiposten?«

»Wasserschaden, ein Rohr ist geplatzt. Den Schaden haben wir erst nach dem Wochenen­de bemerkt. Vermutlich wird das ein paar Tage dauern.«

Kneipp nickte, dann winkte er, damit sie et­was bestellen konnten, doch die Besitzerin des Cafés hatte sie längst gesehen und näherte sich ihnen. »Zum Glück muss ich heute nicht mehr nach Hofgeismar. Obwohl, ein bisschen Bewegung könnte ja auch nicht schaden.« Da­bei legte er seine flache Hand dorthin, wo das Hemd der Uniform gerne etwas spannte.

»Was darf ich den Herren bringen?«, fragte die Chefin.

»Ich nehme einen großen Kaffee«, meinte Kneipp.

Herbold schüttelte den Kopf. »Danke, ich nehme nichts. Bin eigentlich schon wieder so gut wie weg.«

»Mensch, Sie haben’s aber eilig«.

»Ja, tut mir leid. Aber ich habe noch jede Menge zu erledigen. Also, was haben Sie?«

Kneipp wartete, bis sie wieder alleine waren, dann brachte er Herbold auf den aktuellen Stand: »Mario Göschwitz war Berufsschulleh­rer in Hofgeismar. Ein bekanntes Gesicht hier im Ort. Die Meinungen über ihn sind gespalten, einige wenige mochten ihn, die meisten jedoch konnten ihn nicht leiden. Er war mäßig engagiert, motzte aber viel rum.«

Herbold hakte ein: »Das klingt nicht nach einem Sympathieträger.«

»Nein, das war er auch nicht.« Kneipp stockte, bevor er die Frage stellte, die ihn am meisten interessierte. »Wie genau ist er ei­gentlich zu Tode gekommen?«

»Ich habe vorhin mit Doktor Thiel telefo­niert«, sagte Herbold. »Göschwitz wurde mit zwei gezielten Stößen eines scharfen Gegen­standes in den Brustkorb und in Form eines Kreuzes getötet. Bei der Unmenge an Blut am Fundort vermute ich, dass er auch der Tatort ist.«

»Aber warum gerade das Schleusenbetriebs­gebäude? Das ist doch im Augenblick nur eine Baustelle, zudem ist es eingezäunt.

Herbold wirkte entschlossen. »Das müssen wir rausfinden. Den Zaun konnte man ja ein­fach zur Seite schieben. Die genauen Obdukti­onsergebnisse stehen noch aus. Sind wir durch?« Herbold stützte die Hände auf und wollte aufstehen.

»Ein paar Dinge noch«, sagte Kneipp. »Es gibt jede Menge Spuren, die jedoch durch den Regen am Wochenende weitgehend un­brauchbar geworden sind. Dennoch müssen wir trotzdem alles absuchen, auch den Rest des Hafenterrains, und hoffen, dass es nicht bald wieder anfängt zu regnen.«

»Was noch?« Herbold war ungeduldig.

»Ich habe die Wetter-Webcam des Hessischen Rundfunks gecheckt. Wenn wir davon ausgehen, dass der Fundort identisch mit dem Tatort ist, hat die Tat wohl mitten in der Nacht stattgefunden. In der Zeit zwischen zwei und vier Uhr war auf den Bildern nur Ge­kriesel – das ist immer so. Außerdem möchte der Bürgermeister noch dringend mit Ihnen sprechen. Er will natürlich die Stilllegung des Schleusenbetriebs auf das Allernötigste be­schränken.«

»Das kann ich mir vorstellen. Erledigen Sie das; ich muss jetzt wirklich los. Und bevor ich es vergesse: Können Sie bitte einmal Kontakt zum Hugenottenmuseum aufnehmen? Viel­leicht haben die eine Idee wegen des Kreu­zes.«

 

Hier muss die Leseprobe leider enden. „Akte Hugenottenblut – Ermittlungen wider Willen“ ist ab August 2020 als Taschenbuch oder als eBook (epub, mobi) erhältlich. Weitere Hinweise hierzu erhalten Sie in der Bibliographie.

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