Was geschah im Bahnwärterhäuschen am Rande der Carlsbahn?

Veröffentlicht am 22.02.2015

Wie kommt man als Autor auf die Idee, einen Regionalkurzkrimi über die längst vergangene Carlsbahn zu schreiben? Eine interessante Frage, die in meinem heutigen Blog zu beantworten versuche. Zur Erinnerung: Ich habe letzte Woche versprochen, es mit Homer Simpsons Worten nicht „Laaangweilig!“ zu machen. Also los!

Als Kind, aufgewachsen in Bad Karlshafen, bin ich schon früh über den sogenannten ‚Sonnenweg‘ zwischen Karlshafen und Helmarshausen gelaufen. Später ging es dann per Fahrrad, beispielsweise um im Hallenbad Helmarshausen für den ‚Fahrtenschwimmer‘ zu üben. Irgendwann sagte mir meine Mutti einmal, dass das früher die alte Bahnstrecke gewesen sei, die von Bad Karlshafen (damals aber noch ohne ‚Bad‘ und mit ‚C‘ und ‚v‘ geschrieben) nach Hümme beziehungsweise weiter nach Kassel (damals übrigens auch mit ‚C‘) führte. Gut, der Radweg war prima und das Thema für Christian noch nicht interessant.

Mit den Jahren wurde begriff ich, dass die an Anmut wenig zu übertreffende ‚Marie-Durand-Schule‘, auf der ich seinerzeit meinen Realschulabschluss gemacht habe, auf dem Fundamenten des damals dort befindlichen Bahnhof steht. Von 1848 bis 1966 hatte der Ort zwei Bahnhöfe, Karlshafen linkes Ufer und Karlshafen rechtes Ufer. Damals gab es natürlich auch zwei Bahnhofsgebäude, der besagte Bahnhof mit seinem wunderschönen Bahnhofsgebäude war ein Kopfbahnhof mit Gleisanlagen, die bis zum heutigen Minigolfplatz führten. Der Plan, die beiden Bahnen (Bad Karlshafen-Hümme und Ottbergen-Northeim) mit einer Brücke über oder einen Tunnel unter der Weser zu verbinden, ist leider nie umgesetzt worden. Der Betrieb der Carlsbahn wurde zunächst aus Gründen der Betriebssicherheit, sicher jedoch auchaus wirtschaftlichen Gründen, 1966 eingestellt. Der öffentliche Personenverkehr wurde von Bussen übernommen, die dann auch Langenthal und Deisel mit in den öffentlichen Personennahverkehr eingebunden haben. Ich weiß nicht, wie das früher funktioniert hat, vielleicht gab es einen Pendelverkehr von Deisel beziehungsweise Langenthal an die Carlsbahn-Bahnhöfe Helmarshausen, Wülmersen oder Trendelburg? Insgesamt hatte die 16,5 Kilometer lange Carlsbahn vier Bahnhöfe (Karlshafen, Helmarshausen, Trendelburg und Hümme) sowie zwei Haltepunkte (Wülmersen und Stammen).

Im Laufe der Jahr verschwanden die Schienen, später dann erschienen die Denkmäler und es wurden Ausstellungen über die Carlsbahn veranstaltet.

Im Verlauf des Jahres 2014 wurde dann der Deisler Tunnel wieder für die Öffentlichkeit geöffnet. Lange Jahre war er nur den Fledermäusen sowie dem Expeditionsdrang von Kindern und Jugendlichen der Region zugänglich. Ich war kurz nach der Eröffnung dort und fasziniert von diesem mächtigen Bauwerk. Ein Weg ins Dunkle – im wahrsten Sinne des Wortes: Schaut man an der einen Öffnung in den Tunnel hinein, so kann man das Ende gut zweihundert Meter weiter nicht sehen. Auch im Tunnel ist es sehr duster. Kein Wunder, dass die kleine Nadeschda Angst bekam, als sie mit ihrem Papa, ihrer Mama und ihrem kleinen Bruder durch den Tunnel lief. Aber jetzt sind wir schon inmitten meines kurz vor der Veröffentlichung stehenden Kurzkrimis „Mit der Ferkeltaxe durch das Diemeltal – Kommissar Keller’s dritter Fall“ (1. März). Fast fünfzig Jahre nach der Stilllegung der Carlsbahn setzt sich die fiktive „Initiative Museumsbahn Carlsbahn“ dafür ein, den ehemaligen Gleisweg zu reaktivieren und als Museumsbahnstrecke zu nutzen. Karl Steinbach, Vorsitzender des Museumsbahnvereins sieht in dieser Initiative seinen Lebenstraum – und wer möchte sich nicht gerne seinen Lebenstraum erfüllen. Doch kaum wird das Vorhaben bekannt, erhält Steinbach einen Erpresserbrief. Dieser fordert die Initiative auf, die Pläne fallen zu lassen. Die mit der Forderung verbundene Drohung ist für die Region ein Schock: Der Erpresser droht, den gerade neu eröffneten Tunnel in Deisel in die Luft zu jagen. Wer könnte ein derart großes Interesse haben, dieses unter realistischer Betrachtung wirklichkeitsferne Vorhaben auf diese Weise zu stoppen? Und wie verläuft der Showdown im Bahnwärterhäuschen in der unmittelbaren Nähe des Deisler Tunnels?

Kommen wir aber wieder zurück in die Realität. Der Tunnel wird auch in den kommenden Jahren in den Sommermonaten geöffnet sein und niemand wird auf die absurde Idee kommen, dieses beeindruckende Monument der Technikgeschichte in die Luft zu jagen. Ich werde im nächsten Sommer sicher noch einmal mit dem Fahrrad zum Deisler Tunnel fahren, auch wenn der Radweg hinter dem Tunnel leider bereits nach wenigen Metern wieder endet, da dort ein Naturschutzgebiet beginnt.

Um die eingangs gestellte Frage nach der Motivation für die Story zu beantworten: Es war einerseits die Begeisterung jenes Besuchs am Deisler Tunnel, gepaart mit dem Interesse für Heimatgeschichte. Ich halte eine gewisse Erinnerungskultur für sehr hilfreich, wenn es um das Verständnis einer Region und ihrer Menschen geht. Und hat sich die Region Nordhessen wirtschaftlich leider nicht so entwickelt, wie es für die Bewohner im (zentralen) Herzen Deutschlands wünschenswert gewesen wäre. Die Stilllegung der Carlsbahn war sicherlich nicht die Ursache für die heutige wirtschaftliche Schwäche der Region, sicherlich aber ein Alarmzeichen.

Wer sich weiter mit dem Thema „Carlsbahn“ beschäftigen möchte, dem seien folgende Quellen empfohlen:

Literatur:

Lutz Münzer (Hrsg.): Mit der Eisenbahn von Hümme nach Carlshafen – Geschichte und Relikte von Kurhessens erster Eisenbahn, 1998, DGEG, Jahrbuch für Eisenbahngeschichte, Band 30.

Brettspiel:

„Vorwärts Carl!“ Das Spiel kostet 9,90 Euro und ist im Tierpark Sababurg und im Museum im Wasserschloss Wülmersen erhältlich (siehe auch: http://www.hna.de/lokales/hofgeismar/vorwaertscarl-regionals-brettspiel-1372359.html).

Expedition:

Einfach einmal den ehemaligen Deisler Eisenbahntunnel besuchen.

Herzlichst, Christian Schneider

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